the lamb lies down on váci utca – Tag -83
Wenn sich wieder einmal ein paar hoffnungsfrohe Jungspunde selber ins Gespräch und aufs Billing bringen (aktuell sind's The Horrors, die unverwechselbar original 80er klingen), dann stellt sich dem Sziget-Veteranen wiederkehrend die Frage: was macht eigentlich Angie Taylor?
Nix geht in den News (außer der Aussage, dass Faith No More wohl nicht spielen werden - auch OK), keine neuen Metalbands gemeldet (bzw. bis auf Amon Amarth überhaupt noch keine gemeldet - vermutlich bauen sie die Metalstage einfach ab und ersetzen sie durch eine weitere Weltbühne), da verharren wir einfach mal weiter in freudiger Erwartung. Hotel ist jedenfalls gebucht, die Tickets ebenfalls, der Sommer kann kommen ...
Wer bis dato gedacht hat, dass sich die – insbesondere musikalischen – Aktivitäten des fahrenden Volkes darauf beschränken, nach dem Bau einer brokatschweren Wohnwagenburg auf einem Platz in einer meist fragwürdig beleumundeten Gegend in der Vorstadt den Nachwuchs unter Bewaffnung mit chinesischen Preiswertestkeyboards in die lokalen Fußgängerzonen zu entsenden, um dort mittels viertklassig herunterprogrammierten, im Ein-Finger-Suchsystem an jedweder Art von Rhythmusgefühl vorbei getippten , Lambada‘-Versionen dem Kleinbürger ebenjenes Geld aus der Tasche zu locken – nun, der sieht sich zwar nicht getäuscht, aber auch nur einen Teil des Großen Ganzen.
Die Fortgeschrittenen-Version für Erwachsene nennt sich ‚Weltmusik‘, wird von den Erzeugern der vorgenannten Rasselbande ebenfalls gerne coram publico vorgetragen, und steht für Lebensfreude und weltumspannendes Miteinander. Wer so etwas gefühlte 100 Jahre nach Mano Negra noch braucht, erschließt sich mir zwar weniger, erfolgreich aber ist’s, das Sziget-Festival besteht zu etwa 60% aus Artisten dieses Genres (30% sind Pop, 8% sind seltsam, der Rest sind Amon Amarth) – daher im Folgenden die 10 goldenen Regeln zur erfolgreichen Umsetzung einer Weltmusikkarriere:
1) Es braucht einen mindestens zwei- (besser: drei-) teiligen Bandnamen, der aus idealerweise zwei bis drei Sprachen zusammengesetzt ist. Eine davon sollte Spanisch sein (Fortgeschrittene: Katalan)
2) Je mehr Musiker, desto besser: minimum 5, keine Grenze nach oben (wer hat schon einmal ein Weltmusiktrio gesehen? Eben)(OK, Alex Oriental Experience, aber die kennt kein Schwein mehr – schade, eigentlich)
3) Zwei Artisten(zusätzlich zum Schlagzeuger) sind für Getrommel jedweder Art verantwortlich (siehe 2.)
4) Einer spielt immer Akkordeon
5) Outfit: weit offene (Fortgeschrittene: die obersten vier Hemdknöpfe) weiße Hemden hängen krumpelig aus schlechtsitzenden Anzügen. Jeans und Chucks sind absolute NoGos. Dünne Krawatten sind erlaubt, wenn lässig geknotet
6) Outfit II: mindesten einer trägt einen Hut mit zu kleiner Krempe
7) Outfit III: mindestens einer trägt ein Menjoubärtchen (6. Und 7. dürfen notfalls identisch sein)
8) Auf Bandfotos wird immer schelmisch gegrinst, oder mit hochgezogenen Augenbrauen ironisch der Gangsterhabitus persifliert (Fortgeschrittene: beides gleichzeitig)
9) Wenn eine Frau mitspielt, dann ausnahmsweise nicht Bassguitarre, sondern bevorzugt Geige. Oder sie tanzt. Oder beides.
10) Hektisches auf-der-Bühne-Umeinanderspringen steht für Esprit, Elan und die genannte Lebensfreude und ist somit unerlässlich
So, das war’s. Die Musik erschöpft sich gemeinhin in folkloristischem Offbeat-Humptata und ist weitestgehend nur unter erhöhtem Alkoholeinfluss erträglich, dann aber richtig. Wir werden berichten.
Wieder einmal befinden wir uns in der Sziget-Vorbereitungsphase und wieder einmal ist der Posten des Bundespraesidenten vakant (immer wieder gruesst das Murmeltier).
Dabei haette alles so schoen werden koennen! Der schon dereinst von Rio Reiser besungene Posten des Koenigs von Deutschland wurde durch unseren Bundeschristian doch ganz prachtvoll ausgefuellt. Koenigsgleich blickte er mit sanfter Milde auf die Volksschar herab in der Gewissheit, dass er – der Koenig – unantastbar sei. Ein paar weise Worte zur Integration und hin und wieder der Besuch eines Galadiners, so laesst es sich aushalten. Jetzt galt es nur noch die Schar ungebildeter Schafe so lange am Nasenring durch die Manege zu fuehren, bis das Stahlgewitter vorbeigezogen ist.
Und was macht dieses treulose Pack? Es revoltiert. Allen voran die Motzkoffer von der Zeitung. Da half selbst ein persoenlicher Anruf mit Machtwort nicht weiter. Wissen die von der BILD eigentlich nicht wer der Koenig in Deutschland ist? Jedenfalls wissen sie jetzt was der Rubikon ist! Das hat der Koenig denen mal erklaert.
Lieber Christian, komm mit uns nach Budapest. Flug in der Eco-class (upgrade fuer ex-Koenige optional) und Unterkunft in einer bescheidenen Bleibe, die auch Du selber bezahlen kannst.
In Ungarn da ist die Welt noch in Ordnung. Koenig Viktor ist der unangefochtene Herrscher ueber ein Volk, das ihm treu ergeben ist (die kennen sich mit Koenigen und Kaisern eben besser aus). Nach einem kurzen Ausflug in die Demokratie findet man hier zu traditionellen Werten zurueck! Hier werden keine komischen Fragen gestellt. Dieses Volk weiss, was es seinem Herrscher schuldig ist. Und wenn es doch mal nicht so richtig laeuft wird halt die Verfassung geaendert. Dann stellen die Zeitungsfuzzies auch das schnoede gemotze ein. Alles ganz rechtsstaatlich und demokratisch, versteht sich!
Hier wirst Du Dich sicher wohl fuehlen. Das laermende Jungvolk auf der Insel, die Zeltlager, Bierstaende und die laute Musik – wunderbar! Am Besten bringst Du die Betti auch noch mit. Die feiert doch auch gerne.
Also bis bald in Budapest – Hermann Albrecht, der Cap und ich freuen uns schon darauf mit Euch bei den Klaengen von Ministry, Placebo und Co. zu feiern. Ach ja - und den Rubikon muss auch keiner ueberschreiten um da hin zu kommen.
Die Nostalgie bleibt also zuhause, und schickt stattdessen coole Bands; klingt gut, auch wenn nicht ganz klar ist, was die Stone Roses und - äh, Ministry dann diesen Sommer machen ?
Letztere werden auf szigetnews.com gehandelt; auf ihrer myspace-Seite gibt's dazu keinen HInweis, sondern nur den verzweifelten Wunsch eines einsamen Alfelders, sie endlich wieder mal in seiner Stadt zu sehen. Dem kommen wir natürlich nicht nach, sagen 'ällebätsch' nach Alfeld und freuen uns jetzt schon darauf, sie stattdessen in Budapest zu verpassen . . .
Szigets kleiner Bruder, das Volt-Fesztivál (nur echt mit dem 'z'!) hat gepostet, und gleich mal den headliner katzenmässig aus dem Sack gelassen: Iggy & The Stooges!
Yup, ernsthaft.
Und zwar eben nicht nur Iggy, das alte Sehnenpaket, sondern die Stooges noch mit im Angebot.
Nur zum besseren Verständnis: von den Stooges besitze ich die erste Platte (für euch Jüngere: die grossen, schwarzen, runden Tellerdinger, von denen man nicht essen kann, weil sie sich bei höheren Temperaturen verformen), und das war damals schon eine Elektra-Nachpressung. Damals heisst: späte 70er.
Und aus ebendieser Meldung und o.g. Foto lernen wir:
a) auch beim Sziget kann noch manch' Überraschendes die Bühne entern
b) ab einem gewissen Alter ist blickdichte Oberbekleidung alternativlos 'de rigueur'